Vorwort | Fiktive Geschichte | März 2026
Du hast eine kleine Geschichte gefunden, die fiktiv entstanden ist und keine Bezüge zu realen Vorkommnissen meines oder Toncis privaten Lebens spiegelt. Und doch hat, wie ich finde, alles mit allem zu tun.
So mischte sich Tonci beim Entwickeln einer ganz anderen fiktiven Geschichte immer wieder herzlich in diese hier ein.
Mein Gefühl sagt mir, es hätte ihm gefallen.
Tonci, Joshua und der violette Ring
Vierzehn Jahre vor Kapitel 0
Der Wohnwagen von Tonci stand ein kleines Stück oberhalb des Wassers, dort, wo der Wind zuerst ankam und das Meer nachts größer wirkte, als es am Tag gewesen war. Vor der Tür standen zwei Plastikstühle, ein kleiner Tisch und ein alter Eimer, in dem nichts lag außer einem Schraubenschlüssel, den Tonci seit Wochen suchte und trotzdem nie wegräumte.
Joshua saß auf dem kleineren Stuhl.
Er war fünf und hatte die Beine angezogen, weil sie sonst nicht bis zum Boden gereicht hätten. In seinen Händen hielt er einen glatten Stein, den er unten am Strand gefunden hatte. Er mochte ihn, weil er an einer Stelle türkis schimmerte, wenn man ihn drehte.
Tonci saß neben ihm und sah aufs Meer hinaus.
Er sagte eine Weile gar nichts. Das konnte er gut. Wenn Tonci schwieg, klang es nie böse. Eher so, als wüsste er, dass Dinge manchmal von selbst an die richtige Stelle kamen, wenn man ihnen nicht dauernd dazwischenredete.
Über dem Wasser ging der Ring auf.
Er war nicht hell wie eine Lampe. Eher wie etwas, das sich langsam zeigte, weil die Nacht beschlossen hatte, es nun sehen zu lassen. Erst lag nur ein violetter Saum über dem Horizont. Dann hob er sich höher, wurde deutlicher und spannte sich still über Meer und Himmel, als würde dort oben jemand ganz behutsam eine Farbe ausrollen.
Joshua sah hinauf.
„Tonci?“
„Mhm?“
„Ist das schlimm?“
Tonci schnaubte leise. Nicht genervt. Mehr, als hätte Joshua eine Frage gestellt, die schon viele vor ihm gestellt hatten.
„Was?“
Joshua zeigte mit dem Stein zum Himmel.
„Das Violett.“
Tonci lehnte sich zurück. In seiner Sonnenbrille spiegelte sich der Ring. Für einen kurzen Moment rutschte sie ihm ein wenig von der Nase, und darunter blitzte ein Auge türkis auf, so kurz, dass Joshua blinzeln musste.
„Ah“, sagte Tonci. „Violett ist nicht schlimm.“
Joshua sah ihn an.
„Nicht?“
Tonci hob eine Schulter.
„Violett ist nicht Angst, Joshi. Angst macht nur falsche Resultate.“
Joshua dachte darüber nach. Er verstand nicht alles. Aber er hörte zu.
Das war bei Tonci oft so. Man verstand nicht immer gleich, was er sagte. Aber die Sätze blieben irgendwo liegen, wo sie später wieder auftauchten.
Unten am Wasser schlug eine kleine Welle gegen die Steine. Weiter draußen wurde das Meer dunkler, und doch lag auf ihm dieser violette Schimmer, als hätte jemand eine zweite Nacht ganz dünn über die erste gelegt.
Joshua drückte den Stein in seiner Hand.
„Aber warum sieht es so aus?“
Tonci hob die Hand und ließ sie wieder sinken.
„Weil die Welt nicht immer nur eine Farbe hat.“
Joshua sah wieder hinaus.
Das gefiel ihm nicht ganz.
„Ich mag Türkis lieber.“
„Ja.“ Tonci nickte. „Das ist gut. Schütze das Türkis.“
Joshua schwieg.
Tonci drehte den Kopf ein kleines Stück zu ihm.
„Aber du musst Violett nicht fürchten.“
„Warum nicht?“
Jetzt dauerte Toncis Schweigen ein wenig länger. Dann tippte er mit einem Finger auf den Tisch, als müsse er einen Takt finden, in dem Joshua es besser verstehen konnte.
„Hör zu“, sagte er. „Ein Fluss lässt sich schwer blockieren.“
Joshua nickte vorsichtig, obwohl er noch nicht wusste, worauf das hinauslief.
„Aber“, sagte Tonci und hob nun den Finger, „ein Fluss lässt sich erschweren.“
Joshua zog die Stirn kraus.
„Erschweren?“
„Mhm.“ Tonci blickte wieder aufs Meer. „Steine. Enge Stelle. Falscher Weg. Angst. Alles das. Dann fließt er noch, aber schlechter.“
Joshua dachte angestrengt nach.
Dann fragte er, ganz plötzlich, wie Kinder das tun, als gäbe es zwischen Mond, Wasser und Eltern gar keinen Unterschied:
„Und Mama und Papa?“
Tonci drehte den Kopf nun ganz zu ihm.
Dann lachte er. Nicht laut. Eher warm.
„Ah, Joshi.“
Joshua sah sofort auf seinen Stein hinunter.
„Aber sie sollen sich lieb haben.“
Tonci sah ihn an, lange genug, dass Joshua wieder hochblickte.
„Weißt du“, sagte Tonci dann, „sie hatten sich lieb.“
Joshua blinzelte.
Tonci streckte die Hand aus und tippte ihm mit dem Finger leicht gegen die Brust.
„Du bist der Beweis.“
Joshua sah ihn an, als hätte er damit nicht gerechnet. Vielleicht hatte er gehofft, vielleicht gefürchtet, aber nicht gewusst, dass beides zugleich möglich war.
„Aber warum gehen sie dann?“
Tonci schob die Sonnenbrille höher auf die Nase. Wieder spiegelte sich der violette Ring darin.
„Weil Menschen manchmal nicht dort bleiben können, wo die Strömung schlecht geworden ist.“
Joshua verstand das noch weniger als den Satz mit dem Fluss. Aber der Klang davon war ruhig. Das half.
„Dann sollen sie dahin gehen, wo sie sich lieb haben“, sagte er trotzig.
Tonci lächelte jetzt. Nicht groß. Nur mit einem Mundwinkel.
„Manchmal ist das nicht derselbe Ort.“
Joshua fand das ungerecht.
Er sagte es nicht.
Er zog nur die Beine noch dichter an sich.
Unten am Weg knirschten Schritte auf Kies.
Eine Frau kam den kleinen Pfad zum Wohnwagen hinauf. Ihr Kleid bewegte sich im Wind, und in der Hand hielt sie eine leichte Jacke, die sie wahrscheinlich schon seit fünf Minuten tragen wollte, ohne dass sie dazu gekommen war. Als sie Joshua sah, wurde ihr Blick sofort weicher.
„Da sitzt ihr ja.“
Joshua drehte den Kopf.
„Mama.“
Sie trat zu ihm, strich ihm die Haare aus der Stirn und legte ihm dann die Jacke um die Schultern, obwohl er gar nicht gefroren hatte. Mütter machten so etwas manchmal trotzdem.
„Es wird spät“, sagte sie.
Joshua sah noch einmal zum Ring hinauf.
„Tonci sagt, Violett ist nicht schlimm.“
Die Mutter sah kurz zu Tonci.
Tonci hob nur die Brauen, als wolle er sagen: Hab ich recht oder hab ich recht?
Sie lächelte müde.
„Nein“, sagte sie leise. „Nicht schlimm.“
Joshua drehte den Stein in seiner Hand.
„Und Papa?“
Jetzt schwieg sie.
Nicht lange. Nur so lange, wie man braucht, um eine wahre Antwort kleiner zu machen, damit sie in ein Kinderherz passt.
Dann beugte sie sich zu ihm hinunter und nahm ihn in die Arme.
Joshua roch Salz an ihrer Haut und etwas Warmes, das nach Zuhause klang, auch wenn Zuhause gerade nicht mehr ganz so aussah wie früher.
„Im Sommer“, sagte sie leise, „siehst du Papa.“
Joshua nickte in ihre Schulter.
Tonci stand langsam auf, nahm den leeren Eimer vom Tisch und sah mit zusammengekniffenen Augen hinaus aufs Meer, als müsse er noch prüfen, ob der Ring sich benahm.
„Siehst du“, brummte er dann, mehr zum Wasser als zu den beiden anderen. „Alles fließt.“
Joshua hob den Kopf.
„Auch Violett?“
Tonci nickte.
„Wenn man es lässt.“
Joshua dachte darüber nach. Dann drückte er den türkis schimmernden Stein in seiner Faust, als hätte er etwas Wichtiges bekommen, das noch keinen richtigen Namen hatte.
Die Mutter nahm ihn auf den Arm.
Tonci hob zwei Finger zum Gruß, als wären große Abschiede nicht sein Stil.
Joshua sah über ihre Schulter noch einmal zurück.
Zum Wohnwagen.
Zu Tonci.
Zum violetten Ring über dem Meer.
Er hatte keine Angst mehr.
Nicht ganz.
Aber was blieb, war etwas Besseres.
Respekt.